Big Sexy Noise – Stuttgart, Schocken (keine 100 Zuschauer) Foto by Evil
Naja, hab ja ganz schön Vorschusslorbeeren reingepumpt in die gute Lydia. Und dann fand ich sie einfach nur … unscheinbar. Die Grand Dame des New Yorker Undergrounds, eine der allergrößten Stilikonen des New Yorker Undergorunds überhaupt, machte nicht die beste Figur und wurde von ihrer Begleitband übertrumpft. Haushoch! Und zwar mit den Mitteln der Kunst. Die Jungs von Gallon Drunk waren einfach eine sausaugute Band und Lydia wirkte davor blass. Man wünschte sich eine bessere Sängerin und Performerin zur Band.
Sie lebt halt von ihrem Legendenstatus und den hat sie gottverdammichnochmal so verdient wie sonst niemand. Ich würde ihr ohne zu zögern das Undergroundverdienstkreuz höchsten Ranges verleihen. Sie gehört zu den wichtigsten 10 Underground Amis. Live fand ich sie aber Anfang der 90er schon eher wenig eindrucksvoll. Auch da war es vorallem die Person, die man mal so in Fleisch und Blut sehen wollte. Auch damals war die Band die Welt (mit Rowland S. Howard) und die Dame das Zugpferd.
Nachdem sie aber die letzten 15 Jahre musikalisch eher weniger auffällig und in Gefilden verweilte, die sich mir nicht direkt erschlossen, war Big Sexy Noise ein Comeback in unseren Wassern, das aufmerken ließ. Die Collaboration mit Gallon Drunk ohnehin. Lydia grunzt und raunt mehr als früher. Auf Platte gefiel mir das zunächst gut. Die penetrante Sirene von früher wich direkter Bosheit, auch stimmlich.
Live konnte sie sich damit aber nicht durchsetzen. Die Stimme fiel im Gesamtbild ab. Entweder sie kann nicht mehr oder sie hat absichtlich aufs falsche Pferd gesetzt.
Zudem war die Band Welten besser als auf Platte. Der Sound ist von einer tiefen, sehr gefühlvollen aber auch sehr noisigen Gitarre dominiert, die zusammen mit einer verzerrten Orgel blutig erotische, hüftenerregende Weisen monoton vibrierender Urzeit-Blueser in die Nacht zittert, gekontert von einem unnachgiebig swingenden Drum. Das ist unaufhaltsames atavistisches Rotlicht, eben die Big Sexy Noise, wie’s der Name schon sagt.
Doch Lydia wirkte darauf fast schon zahm, obwohl man vorher gesagt hätte, dass da niemand besser dazu passen würde als sie. Sie sparte zwar nicht mit Breitseiten an ihre Jungs, doch die standen da drüber, waren auch mit blauen Augen (war wohl gegen die Tür gelaufen, der gute Johnston, haha) souverän wie junge Hengste.
Bei aller Kritik: Mir gefiel’s vom ersten Ton an. Der wogende Sound der Band war sensationell. Sie hatten genau das, was grosse Musik hat: Einen einzigen einfachen aber unwiderstehlichen Riff der einen einzigen unwiderstehlichen Beat kontert und dadurch die Hüfte in Schwung bringt. Und trotzdem wirds nicht langweilig, denn die Songs sind in ihrer Einfachheit abwechslungsreich. Was hätte ich dafür gegeben, das in einem brennenden Londoner Club zu sehen anstatt an einem kühlen Dienstag in einem Land in dem gerade musikalisch niemanden irgendwas interessiert und ein kaum lässig halbgefüllter Schocken noch viel Platz zum Atmen liess (was ich ja schätze, was aber für das Desinteresse unserer Mitbevölkerung spricht).
Die Platte zur Tour hält übrigens nicht was das Konzert versprach. Ich höre nicht diese wunderbare Gitarre. Der klangliche Fokus liegt nicht auf Sex sondern auf nerviger Aufdringlichkeit. Ich höre nur Blech und ein permanent quiekendes Saxofon. Das ging live viel mehr in den Hintergrund und der Beat und die Riffs standen im Zentrum. Lunch ist beidesmal gleich schlecht. Auch ihre textlichen Aussagen sind für ihre Verhältnisse nicht aufregend. Ich bin trotzdem froh, sie nochmal so gesehen zu haben. Wer weiss, was als nächstes kommt.
Hier nochmal meine Ankündigung vor dem Konzert, die etwas mehr Hintergrundinformationen und einen emotional aufgewühlten Feuermann zeigt:
Manchmal kommt ein Wölkchen aus dem Himmel geflogen und setzt sich auf das Haupt eines einsamen Jünglings und sagt ihm: „Das Glück ist da!“ Und dann sieht der Jüngling sich um und nach 1991 und weiss nicht mehr wann im VS Bahnhof darf der nun doch nicht mehr ganz so junge R. noch mal das nicht mehr erwartete Glück erahnen die grosse Angry Diva namens Lydia Lunch live zu sehen … und sogar noch mit dem vielversprechendsten Projekt (zumindest aus Sicht eines Liebhabers der New Yorker NoWave Szene der 80er), das sie die letzten Jahre aus dem Boden gestampft hat: Big Sexy Noise, eine Zusammenarbeit mit Gallon Drunk, der sagenumwobenen Londoner Band, deren Sänger James Johnston sich schon anfangs der Neunziger hingebungsvoll zu unseren Füssen warf (oder fiel … so geschehen auf Gallon Drunks D-Tour zum ersten Album, wo es Johnston regelmässig jesusmässig, Gitarre noch umgehängt, Monitore mitnehmend, von der Bühne schlug, eieiei, war das köstlich). Eine brennende Kooperation.
Lunch ist die neben den Swans und Sonic Youth noch aktivste Künstlerin dessen was man damals dann als NoWave bezeichnete. Als in Europa die Sex Pistols gerade mal anfingen, war New York damit bereits durch und Bands wie Teenage Jesus And The Jerks, mit Lydia als Gitarristin und Sängerin, trieben die Generation bereits zur nächsten Depression (dem unbedarften Nichtkenner des NoWaves soll gesagt sein, dass Depression hier nicht negativ, sondern gerade als Höhepunkt zu verstehen ist – meingott, was man heute nicht alles erklären muss). Alle ihre Bands waren kurzlebig, lebten so schnell auf und gingen so schnell unter wie eine Rasierklinge am Puls einer Stadt, deren Gottverlassenheit solche Kinder wie Lydia Lunch gebiert. In den mittleren 80ern machte sie vorallem durch ihre Filme mit Richard Kern und Nick Zedd Furore. Das Cinema of Transgression, indem auch Sonic Youth ihren Platz fanden, lebte auf und trieb Sex, Gewalt und Kunst auf bis dahin nicht gekannte Ebenen. Lydias Filme „The Right Side Of My Brain“ und „Fingered“ sind in der Underground Szene was die Beatles für den Beat waren. Wegbereiter, Trendsetter, Götterdämmerung. Im New Yorker Underground passierte in den 80ern nichts Spannendes an dem Lydia nicht beteiligt war.
Sie sang, sie schrieb, sie musizierte, sie agierte. Sie wurde zum Vorreiter der Angry Women Bewegung, Lichtjahre bevor ein paar lahme Enten das Riot Grrrl-Movement begründeten und doch immer nur ein Hauch der Durchschlagskraft, den Extremen, der Bedingungslosigkeit einer Lydia Lunch blieben. Lydia war immer sich selbst. Und opferte Seele und Körper der Kunst, nein, vielleicht muss man das eher als Zwanghaftes Hingeben sehen, Selbstdarstellung bis zur Selbstaufgabe, als Selbstzweck, einziges Mittel der Selbstheilung. Kooperationen mit Cave, Sonic Youth, den Swans, Henry Rollins, Neubauten, Die Haut, Rowland S. Howard, Foetus und vielen mehr.
Und nun ist es 2011, Lydia Lunch ist 51 Jahre alt … und wütend wie immer. Lasst Euch das nicht entgehen.