Crime & The City Solution – American Twilight – LP

2013 Platten

Crime & The City Solution American Twilight (26.3.13, Mute) – LP
Wenn wir mal zugrunde legen, dass diese Band mir in den 80er Jahren mit die schönsten Konzertmomente meines Lebens verschafft hat (neben den Neubauten, Pussy Galore, den Swans, vielleicht auch Sonic Youth und von den unzähligen in Vergessenheit geratenen Punkbands, die sich in jener Zeit täglich neu erfanden, ganz abgesehen), wovon ihre Legende natürlich heute noch zehrt, war die Ankündigung, dass eine neue Platte erscheint, 23 Jahre nach der letzten Inkarnation (!!!!) eine Sensation. Wenn man von Mick Harvey absieht, war sogar noch ein wichtiger Teil der Berlin-Besetzung, die ich damals so oft sehen durfte, wieder mit dabei und mit David Eugene Edwards eine Neuaddition die unfassbare Spannung aufbaute. Also für mich jedenfalls.
Beim Anhören des ersten Songs zerbrach das alles total. Das war für mich alles, aber nicht Crime & The City Solution. Beim zweiten Song, vom Heavy Metal Intro abgesehen, grosses Aufatmen, das dann im Verlauf der Platte hinundwieder stockt, aber im Grossen und Ganzen zu wohliger Entspannung zurückfindet.
Dennoch mein Eindruck nach dem ersten Anhören: Zu viele Köche verderben den Brei. Insbesondere den Mix finde ich unterschiedlich. Extrem unterschiedlich und daher nicht gelungen. Das sehe ich auch heute noch so, nachdem ich die Platte gerade vier Jahre später (da ich ein gestörtes Verhältnis zur Zeit habe, dachte ich heute allen Ernstes, diese Platte sei letztes Jahr rausgekommen – Ihr solltet mich mal hören, wenn tatsächlich mal irgendwer am Tisch sitzt und sagt: „Was war denn Eure Lieblingsplatte dieses Jahr“ ….) das erste Mal wieder aufgelegt habe. Tatsächlich hab ich sie aber wohl heimlich (also ohne, dass ich es heute noch weiss) mehrmals angehört, denn zumindest die ersten vier fünf Songs kamen mir sofort sehr geläufig vor.
Aber lassen wir mal den Spass beiseite: Die Platte ist sehr … zerrissen. Die Kompositonen sind grossartig. Ich hätte mir aber gewünscht, die Mixe wären besser oder sie hätten die Orchestrierung bleiben gelassen.
Man sucht die Gründe und meint sie irgendwo in einem Sumpf zu finden. De Picciotto ist ein liebenswerter Mensch und eine gute visuelle Künstlerin. Das Cover ist dennoch … also echt … schauts Euch doch selber an. Das beiliegende Poster aber ist absolut phantastisch. Das wäre aussem rum viel besser gewesen. Aber worauf ich raus will: Es hätte ein grosses Werk sein können, denn das Potential ist da, aber so wie das bescheuerte Cover, das von einem grandiosen Poster, das keiner sieht, ausgekontert wird, so unfertig wirkt das ganze Werk. Da gibt es Unstimmigkeiten en masse.
Simmer mal ehrlich … De Picciotto musiziert doch nur mit, weil Alex Hacke dabei ist und das sich angeboten hat. David Eugene Edwards Anteile höre ich nicht. Sorry. Das wären schon mal 2 Leute, die man nicht gebraucht hätte, um mehr Klarheit ins Klangbild zu kriegen, mehr von dem was die grossen Crime & The City Solution so einzigartig machen … wenn sie nah und fiebernd sind, der Blues so brutzelt, dass es sogar den Gruftis gefällt. Wer weiss denn heute noch, dass neben der Birthday Party noch eine zweite, ursprünglich australische Band ganz wundervolle Musikgeschichte schuf und zur selben Zeit denselben Weg über London und Berlin verfolgte, sogar teilweise die Mitglieder tauschte.
Aber während Cave Millionär wurde, ist Bonney wahrscheinlich 23 Jahre lang im Stadtschlachthof LA ausweiden gegangen. Dabei hat Bonney die wesentlich bessere und vielseitigere Stimme, die etwas rauher und erdiger klingt, während Caves gutturales Gegurgle nie mein Fall war. Ausserden sieht Bonney hundertmal besser aus und fehlt glücklicherweise am unerträglichen Pathos, der Cave so „charismatisch“ macht. Das einzige, das ich heute noch an Cave lassen kann ist, dass er sich seiner Lächerlichkeit bewusst ist und Kapital daraus schlägt.
Ja, sie hatten keinen „Mercy Seat“ und ja, sie hatten nur die Howards, die Hackes, die Harveys und nicht die Bargelds und Congos (den Harvey müssen wir abziehen, der war in beiden Clans). Ein so unendlich sympathischerer Haufen, der hier eine wunderbare Platte nachgelegt hat, denn mittlerweile sind wir beim vierten Lied angekommen und ich werde weich, aber hier haben wir eben auch wieder die City Solutions, als wären sie niemals weg gewesen (nur so weit weg gemixt und auch hier im Refrain noch so überladen instrumentiert, dass man gerne mit der Axt durchs Studio gegangen wäre).
Beim fünften Titel ist es dann geschehen. Endlich die Gitarren, die Geige, die Stimme: So richtig fängt die Platte hier erst an. Hier kristallisiert sich die Band in ihre Essenz. Hier kristallisiert sich die Band in ihre Existenz! Die Dramaturgie, das Fiebern, Aufbegehren, Wüten, Erschöpfen, wieder Fiebern … Bonneys Stimme … ja, er hat es noch.
Der sechste Song: Bonney, ich liebe Dich! Wer dieses Song hört, muss mir einfach zustimmen, was den Vergleich mit Cave betrifft. Ich habe noch ein Video, das auf Tele 5 kam, wo sie nach oder vor einem Gig vom Fernsehteam für Offbeat gefilmt werden, Bonney ohne Mikro, einfach in den Raum singend, die anderen ganz dezent … und die Putzfrau geht mit dem Wischer durch, nebenbei. Aber dafür ist Bonney sogar noch Universen von Rowland Howard entfernt. Wenn er stirbt, werde ich dieses Video verlieren und niemals wird jemand danach gefragt haben.
Im siebten Song sind wir dann wieder in der Kälte angekommen. Der definitive Katersong. Wie nach einem ungeheuer aufwühlenden Abend mit viel Alkohol, der gerade in unangenehmer Ernüchterung beim Hellwerden auf dem Bahnsteig scheitert und ein Gefühl durchdringender Peinlichkeit hinterlässt.
Und dann lässt uns Bonney doch noch erleichtert ins Bett fallen. Der letzte Song stimmt wieder versöhnlich und bringt milde Gedanken an alte Zeiten, die jüngste Verfehlungen übersehen. Auch die Frauenstimmen sind hier sehr gut eingepasst.
Crime & The City Solution wird ein Mysterium bleiben, in ihren besten Momenten die besseren Bad Seeds, in ihren schlechteren … naja, gibt es wenige, auch wenn hier viele zu finden sind … definitiv aber die Band der Herzen. Cave hatte immer nur meine Anerkennung, aber niemals mein Herz. Bonney hat es. Wenn ihr diese Platte nicht habt, kauft sie für Simon Bonney und sein Vermächtnis.

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