Tangerine Dream – Tangram – LP

1980 Platten

Tangerine DreamTangram (Virgin, Mai 1980), LP
Ohweh euch, ihr lieben glubschäugigen, warzennäsigen, verschreckten, zuhause gebliebenen und sich beim Pizzadienst infizierten und nun quarantänisierten Leser dieser Gazette. Ich stelle euch die Frage: Wo fängt Rockmusik an und wo hört Rockmusik auf?
Nachdem zuletzt mal wieder eine verheerende Debatte nach der These „Elektro muss ja nicht grundsätzlich schlecht sein …“ entbrannte, hier jetzt die längst überfällige Ode an Edgar Froese und alle seine Mitstreiter bei Tangerine Dream. Ich schäme mich aber nicht meiner Neigung ausschliesslich zur frühesten Phase der Band.
Dabei bin ich an dieser Stelle noch geradezu hochtolerant, habe ich doch das Protokoll meines Gesprächs mit Christoph Wagner von vor locker 5 Jahren im Kopf, als ich erwähnte, kein Tangerine Dream Album nach 1981 zu besitzen, was er mit abwinkendem Blick strafte und sprach: „… und ich keins nach 1974.“ … was das Schaffen dieser Band quasi auf 4 oder 5 Alben reduziert, HAHAHA.
Nein, soweit gehen wir hier nicht. Dennoch sollte etwas Historie beitragen, euch Orientierung zu geben und Fehlkäufe zu vermeiden. Tangerine Dream, gegründet 1967 ist der Mittelpunkt der sogenannten Berliner Schule, was sich auf die Pioniere des elektronischen Rocks bezieht, die sich Ende der 60er aufmachten, Klangforschung jenseits von Beat und hitorientierter 3-Minuten-Songs zu machen. Aber nicht nur das wurde über Bord gekippt, sondern auch ein klassisches Bandgerüst, wie es bspw. noch bei Pink Floyd und anderen Vertretern des Psychedelics der Standard war, auch wenn man einige zentrale Ideen teilte. Die Berliner Schule entspringt dem frühen Krautrock (und die Haltung einer Rockband hat Tangerine Dream immer bewahrt, um die Eröffnungsfrage zu beantworten) zeichnet sich vorallem durch den frühen und fast ausschließlichen Einsatz turmhoher Synthesizer-Steckpulte, später dann auch stilprägend des Sequencers aus. Doch auch wenn hauptsächlich auf Elektronik gesetzt wurde, ist Froese von Haus aus eigentlich Gitarrist und hat diese auch immer integriert. Als er sich 1967 von seiner Hippie-Psychedelic-Beat-Band The Ones trennte, suchte er mit selbstgebauten Klangerzeugern, Orgeln, der Gitarre und allerlei Weiterem vorallem mit der Verfremdung in neue Geräuschsphären vorzudringen. So spielten Tangerine Dream denn die ersten Platten auch noch völlig ohne Synthies ein. Der Regelbruch war die einzige Regel. Es gab nichts das verboten war, außer Stillstand. Das experimentelle Wagnis, verbunden mit den hohen Risiken technischer Pannen bei der Umsetzung wie der Ablehnung des Publikums war die grundsätzliche Triebfeder von Edgar Froese plus seiner Mitstreiter, was in den frühen Tagen u.a. auch Klaus Schulze war, der als Trommler begann und sich nach der ersten Platte aber auf Solopfade begab und damit ebenfalls durchgehend als Hauptakteur der Berliner Schule gilt.
Froeses Hang zur Kunst und Abneigung gegenüber Klischees und sein miesmuffiges, unangepasstes aber antiauthoritäres Hippie-Rocker-Naturell halfen dabei, zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt, auf den ich gleich eingehen werde, der Musik von Tangerine Dream eine schwere, unheilschwangere, apokalyptisch-gruselige Atmosphäre zu verleihen, die sicherlich gewollt ein Gefühl der Grenzenlosigkeit des Universums und dessen das dahinter liegt, vermittelte. So hiessen frühe Alben „Atem“, „Zeit“, „Alpha Centauri“ und die Cover, die ausnahmslos von Froeses Frau Monique gestaltet wurden, versuchen diese Stimmung zu visualisieren und zum Gesamtkunstwerk TD beizutragen.
Tangerine Dream existiert bis heute. Edgar Froese hatte schon lange vor seinem Tod (2015) seinen Erben „eingearbeitet“. Es gab keine Eiszeiten, die Band war pausenlos aktiv und daher ist der Output an Alben und Soundtracks wirklich massiv und wird der Übersichtlichkeit halber gerne in Schaffensperioden eingeteilt, die die Band selbst aufstellte. Somit fällt es sogar relativ leicht, sich zu orientieren und jeder mag suchen, welche Phase er favorisiert. Für Froese selbst war die Virgin Phase die prägendste. Hier fand die Entwicklung der frühen Tage ihre erste und stabilste Form. Daneben beginnen die Virgin Years mit dem ersten Album, auf dem ein Moog Sequencer eingesetzt wurde und sie brachten Tangerine Dream internationalen Erfolg. Wie sooft hatte ein gewisser John Peel seine Hände dabei im Spiel, da er „Atem“ zu seinem Album des Jahres und damit das Virgin-Label auf TD aufmerksam machte.
Die Virgin Years werden mit Froese, Franke, Baumann auch von einem stabilen Line-Up zusammengehalten, dessen Ende mit dem Ausstieg Baumanns begann, das die Band zur Neuorientierung zwang, die erstmal zwei weniger gelungene Experimente hervorbrachte. Der Sänger auf „Cyclone“ blieb einmalig. „Force Majeure“ danach, als Duo eingespielt, finde ich persönlich auch nicht sehr inspiriert, zeigt aber bereits Ansätze, die durch die Neubesetzung Johannes Schmoellings bei Tangerine Dream fortgesetzt wurden und den Sprung in die 80er gelingen liess. Und damit sind wir bei Tangram angekommen.
Tangram ist für mich das Grenzwerk schlechthin, eigentlich ist die Sache hier schon gekippt. Froese rekrutierte den zunächst unwilligen Schmoelling, Tontechniker eines Theaters, den er an einem verregneten Abend während einer Theaterprobe kennenlernte, zu der ihn ein befreundeter Agent einlud, mit dem Ziel, dass Froese den Auftrag bekommen sollte, die Musik für das Theaterstück beizusteuern.
Schmoelling war das erste Tangerine Dream Mitglied, das tatsächlich ein handwerklich guter Musiker war. Er hatte die Band vorher nicht gekannt und daran, wie viel Seiten Froese der Geschichte von Schmoellings Rekrutierung in seiner Autobiographie einräumt, könnte man ablesen, wie wichtig dieser Schritt auch in der Entwicklung der Musik war.
Der erste Auftritt Tangerine Dreams in der DDR, der erste Auftritt einer westdeutschen Rockband in der DDR überhaupt, war zu diesem Zeitpunkt bereits vereinbart und Schmoellings Feuertaufe. Teile der hier vorgestellten Kompositionsfragmente (viel später unter dem Titel „Quichotte“ als LP veröffentlicht) finden sich dann auf Tangram wieder.
Tangram ist ein Song, der sich über zwei Plattenseiten erstreckt, die fast ausschliessliche Vorgehensweise TDs während der Virgin-Jahre (ca. 1974-82). Die Songfragmente sind dennoch kürzer, melodiöser, griffiger und markieren daher, auch für mich oft schon grenzwertig deutlich, den Wandel und den Weg in eine gefälligere Zukunft, die dem triefnäsigen Dunkelhörer der frühen Tage eher missfällt.
Für mich hat Tangram, als ein Werk, das noch mit einem Bein im alten und einem im neuen Schaffenskosmos der Band steht, trotzdem einen hohen Reiz. Die Nahtlosig- und Kurzweiligkeit ist geradezu meisterhaft und eröffnet dramatischere Wendungen, denn jemals zuvor. Die langen improvisierten Passagen weichen kürzeren Fragmenten, auch wenn sich nachwievor kein Thema jemals wiederholt. Klimpert Schmoellings Piano manchmal deutlich zu lässig vor sich hin, stürzt die Stimmung aber urplötzlich in einen Abgrund markanter Sequencer-Passagen, die den geliebten Wahnsinn vor sich hertreiben.
Aber wer weiss, vielleicht gefällt Tangram mir ja auch nur deshalb, weil es das erste TD-Album ist, das ich mir kaufte, damals wohl gerade 16 oder 17 Jahre alt, und ich hörte es sooft hoch und runter, dass ich die Abfolge der einzelnen Passagen heute noch mitsingen kann. Ohne Text natürlich. Dass bei Tangerine Dream, von der oben beschriebenen Ausnahme auch kein Text wiedergegeben wird, der ev. subversives Gedankengut transportieren könnte, führte ja auch zur Auswahl der Band für eine Einladung als erste Westler zur Konzertreise in die DDR.
Wer sich also gerne an Tangerine Dream versuchen möchte, steigt am besten bei einem der klassischen Virgin Alben ein, ich würde mal sagen, zwischen Phaedra und Stratosfear. Danach wird’s kritisch. Tangram mag als Einstieg für jene mit schwachen Nerven in Ordnung sein und dann darf entschieden werden, in welche Richtung man sich weiterbewegt. Als ganz besonderer Einstieg, der aber dennoch, etwas leichter goutierbar, den klassischen TD-Sound beinhält, mag der 1976er-Soundtrack zu Friedkins Abenteuer-Schocker „The Sorcerer“ dienen, dessen Main-Theme als Opener sicherlich mit die intensivsten 5 Minuten elektronischer 70er-Jahre-Musik zum Hörgenuß bringt, die jemals aufgenommen wurden.
Die Pink Years vor Phaedra seien den Experimentierfreudigen überlassen, doch hier bewegt sich die Kennerin. Wer mitreden und ernstgenommen werden will, kennt selbstverständlich die Anfänge der Band, die sich allesamt auf erfreulich interessantem Niveau bewegen. Froese spielte schon mit „The Ones“ in Salvador Dali’s Privatgärten. Ihr müsst also keine Angst haben, hier einer Schülerband zu begegnen.

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