Cindy Lee – Act Of Tenderness – LP

2018 Platten

Cindy Lee Act of Tenderness (Maple Death Records, 16.03.2018)
Patrick Flegel’s Drag-Cameo ist Musik, wie ich sie in dieser Kombination noch nie gehört habe. Eigentlich ist es Pop-Musik. Aber die Gefälligkeit wird mit dem Gesicht durch einen Stacheldrahtballen gezogen. Cindy Lee ist äusserst schmerzvoll, für die Ohren wie fürs Gemüt.
Der ehemalige Gitarrist und Sänger der kanadischen „Art-Rock“-Band Women (Art-Rock bewusst in Anführungszeichen, um die Verwendung des Etiketts von der Journaille zu kritisieren, weil ich es einfach blamabel finde, wenn man keinen anderen Begriff für Musik findet, die man eigentlich gerne abtun würde, weil sie sperrig ist und weh tut und wo man nicht weiss wohin damit, der man aber die Qualität widerwilligerweise nicht absprechen kann) zerrt uns mit sehr viel bissiger Selbstironie durch seine quälenden Emotionen und tut dies mit bislang nicht gekannter Drastigkeit.
Tatsache ist, dass Cindy Lee ein ausgeprägtes Gefühl für wunderschöne, traurige Pop-Songs hat, die aber mit bitterer Dramatik verzerrt und mit schneidend-klirrender Hoffnungslosigkeit unterlegt sind und daher nie ausrechenbar, gewöhnlich oder eben einfach sind. Das ist definitiv große Kunst – aber eben nicht Art im Sinne des modernen Sprachgebrauchs.
Ich kann mich noch an das Konzert von Peter Brötzmann erinnern, in das mich Magnus einst geschleppt hat. Ich sass da, neben mir lauter angegraute Jazzlieberhaber, zwischen schmuddlig und Anzug …. und fanden das große Kunst, was der alte Sack da abzog. In meinen Augen, als Jazzfremder, war das nichts als grober Unfug und zwar in seiner vollendetsten Form, will heissen, sehr zu meinem Entzücken. Aber es war grober Unfug, der totale Punk und Kunst, nach meiner Auffassung, nur im Sinne der Idee, der Entkopplung vom Einfachen, Geniessbaren. Magnus setzt mir ja heute noch entgegen, dass ich das damals als „geiler Scheiß“ bezeichnet hätte und nicht „grober Unfug“. Ist ja so quasi dasselbe.
Cindy Lee ist ebenfalls grober Unfug und geiler Scheiß gleichzeitig. Im Gegensatz zu den Jazzern gibt es hier aber viel viel viel Gefühl, es gibt Höhen und Tiefen, mehr Tiefen vielleicht und die von mir viel zitierten Ausbrüche, auch wenn es bei Flegel wohl mehr Einbrüche sind. Wenn du auf einem Plattenspieler schöne aber traurige Popmusik hörst und auf dem zweiten Whitehouse, beides auf derselben Lautstärke. Und wenn du dann mal das eine, mal das andere etwas lauter machst, dann hast du Cindy Lee.
Manchmal liegen die Melodien unter so einer tiefen Schicht von Lärm, dass man sie kaum noch erahnen kann. Manchmal brechen sie hervor wie ein Blümchen durch den dreckigen Beton und dann sieht man sie sofort verzaubert an und ist eingefangen.
Im Prinzip wird man beim Zuhören durch den Fleischwolf gedreht. Das ist mal total kaputt und magenumdrehend, mal herzzereissend, traurig, liebevoll derangiert, dann einfach nur beissend, scheppernd, zerrend, klirrend, krachend, langanhaltende Ohrenschmerzen hervorrufend. Ein Traum. Ich liebe ihn.
Es gibt nur 300 Exemplare der Euro-Pressung von Maple Death. Cindy Lee hat bis heute zwei weitere Alben nachgelegt.

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