Gore – Mean Man’s Dream – LP

1987 Platten

Gore Mean Man’s Dream (1987, Eksakt) – LP

„Mean Man’s Dream“ ist das zweite Album des Venloer Trios Gore und für mich ihr Meisterwerk in dem sie die Essenz ihres Schaffens bereits erreichten. Die Besetzung ist klassisch, Gitarre, Bass, Drums. Es gibt keinen Gesang, auch nicht auf späteren Werken. Gore wurden 1985 gegründet und blühten in der nihilistisch-negativ-düsteren Szene des NoWave-Noise auf, auch wenn sich dies fast schon parallel zu der amerikanischen Szene entwickelte. Ihre Musik ist nacktes Riffing, reduziert auf nichts als das. Die Basis ist dem Metal entlehnt, die Vorgehensweise aber so rudimentär, kalt und entblößt, live und ohne Overdubs eingespielt, dass die Roots in Punk und Hardcore offensichtlich sind.
Dennoch variieren sie auf äussert geschickte Art und Weise insbesondere über wechselnde Rhythmen und spannende Akkordwechsel. Langeweile kommt daher trotz der gleichbleibenden Vorgehensweise und Atmosphäre nie auf. Zudem ist der Sound ruppig und mufflig, so wie es sein muss. Der Zeitgeist wollte das so und die Zeiten, wo Punk hochgespoilert und übergedubbt wurde, auch immer weiter in den LowBudget-Bereich hinein, war glücklicherweise noch nicht angebrochen.
Mir ist kein vergleichbares künstlerisches Konzept bekannt, denn es rundet sich zudem damit ab, dass es seitenlange Texte gibt, die man sich aber selber durchlesen muss, am Besten, während man die Songs anhört, denn (ich habs allerdings nie selbst ausprobiert), das Durchlesen dauert genauso lange wie der Song. Jede Plattenseite endet überdies in einem herrlich blutgetränkten Metzger-Endlos-Riff.
Die Platte, inklusive des phantastischen Covers (sehr ähnlich übrigens wie der Erstling „Hart Gore“) war damals extrem wichtig und einflussreich, was heute aber kaum leider noch jemand weiss.
Im aufblühenden Post-Punk ab Mitte der 80er (Achtung, damals war der Begriff noch anders besetzt und zwar wörtlich: Der Punk hatte den Boden bestellt und auf dieser Basis wurde weiter experimentiert. Wenn sich das dann aber nicht mehr wirklich wie Punk anhörte, dann war es Post-Punk.) war alles möglich und die Fans offen und tolerant für spannende Experimente. Das half Gore bereits in ihrem ersten Jahr zu Touren durch ganz Europa und vielen Support-Shows für die Szenegrössen, die dann aber meistens aus USA kamen. So gilt für mich die 1987er Show im Tübinger Epplehaus von Gore zusammen mit Henry Rollins, der gerade erst bei Black Flag raus war, zu den Highlights der Konzerte meines Lebens …. die ich verpasst habe!!!!! Dazu nahmen sie auch sehr früh schon die erste von drei Peel-Sessions auf, von denen meines Wissens aber keine auf Platte rauskam.
Bereits auf der nächsten Platte „Wrede“ verfeinerten Gore ihr Konzept. Es gab ein zwei Umbesetzungen und die Kompositionen breiteten sich auf ganze Plattenseiten aus. Eine gute Idee, aber der Sound wurde schlechter (mancheiner würde sagen „besser“), die Arrangements ausgefeilter, weniger walzend. Da war es, aus meiner Sicht zumindest, mit Gore dann bereits vorbei. Bis Mitte der 90er wühlten sie noch irgendwie rum und auch kürzlich gab es eine Reunion, für diejenigen, die es interessiert.

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