The Notwist – Fr. 13.03.2026 – Berlin, Rough Trade Store (ca. 100 Zuschauer)
Rough Trade InStore Release Party mit Livekonzert der bayerischen Band, die ich eigentlich nur vom Hörensagen kannte. Einmal live gesehen, vor ca. 100 Jahren, als die noch nen Amboss in die Basstrommel stellen mussten, damit der die nicht von der Bühne schiebt.
Als wir uns losmachten, fragte ich mich nur, wie ich denn hier wieder reingerutscht war. Ein mir wohlbekannter Irgendjemand war so hartnäckig am Michüberzeugen, dass ich nicht mehr unhöflich sein wollte und mir eine überteuerte Karte besorgte, wo die Platte noch mit dabei war, die ich ja gar nicht wollte.
Am Tag danach sitze ich nun da und höre sie mir sogar an. Und zwar deswegen, weil es ein wirklich schönes und beseelendes Konzert war. Heimlich hatte ich mir ja vorher doch so für 2-3 Minuten ein Livevideo angeschaut und schon gemerkt, dass ich das gar nicht so schlecht finde, mir nur diese melancholische Behäbigkeit missfiel, so dass sich mir der Begriff „Liedermacher mit Band“ aufdrängte. Zugegebenermaßen besitze ich aber auch 5 der zuletzt in irgendeinem Artikel ausgelobten 10 besten Sufjan Stevens Platten, auch wenn ich sie schon Jahre nicht gehört habe. Vielleicht gibt es ja doch irgendwas in mir drin, das auch Liedermacher mit Band gut findet.
Dennoch schleppte man sich eher missmutig nach Neukölln, dann geht man da rein, steht zwischen lauter Notwist-Fans, genau wie man sie sich vorgestellt hat, aber als die dann so zwei drei Lieder gespielt hatten und ich einen ganz guten Platz mit direktem Zugriff aufs Bier und sogar Anlehnen an die Theke gefunden hatte, konnte ich mich tatsächlich entspannen und einem richtig guten Konzert lauschen. Und sehen! Ganz wichtig! So stoffelig und unattraktiv die rüberkommen mögen – es ist definitv ein sehr großer Teil ihres Erfolgs. Die gehen einfach in dem auf was sie machen und sind sowas von unbemüht, irgendwas zu sein, dass man die schon während des Konzerts zu liebhaben beginnt und überlegt, ob man sie hinterher mit nachhause nehmen will.
Mir wurde erzählt, als im Vorfeld Leute gefragt wurden, ob sie gerne migehen würden, dass jemand mit dem Kommentar „Ist mir zu indie.“ abgesagt hatte. Was natürlich eine superspannende Aussage ist, über die man jetzt lange philosphieren könnte. Aber damit möchte ich die Überleitung zur Musik hinbekommen. Ja, es ist irgendwie „indie“, was auch immer das als musikalische Eigenschaft sein soll. Gemeint ist wohl eine alternativ, also dem Mainstream abgewandte Musik (und wer jetzt denkt, er müsste ansetzen, um was zu sagen, dem sei kurz vorgeschoben, dass ich insbesondere davon spreche, dass beim Mainstream das Produkt und seine Verkaufbarkeit wichtiger ist als die Kunst), die naiv-melancholisch und mit viel Understatement geschmückt ist.
Die meisten Notwist Riffs weisen eine klare Einfachheit aus, an dieser Stelle wenig Besonderes, was das Grundrezept aber natürlich deutlich goutierbarer macht. Dies schmücken sie aber mit viel unterschiedlichem Instrumentarium aus, neben der üblichen Basis aus Gitarre, Bass und Drums, kommen meist sehr dezent Synthies, verschiedenste Marimba- Vibra- und sonstwas -phons zum Einsatz, aber auch allerhand Gebläse, das bis auf ganz wenige Ausnahmen aber auch ganz weich ins Klangbad eingelegt wird.
Dazu gibt es viel Dynamik und auch in den ganz ruhigen Passagen immer ausreichend Spannung. Die meisten Songs bauen sich auf und können durchaus auch mal ordentlich Tempo, Kraft und sogar etwas Krach aufnehmen. Das wogt sich so hoch und nimmt einen mit. Dabei sind sie zwar sehr präzise in allem was sie tun, tappen aber trotzdem nicht in die Mucker-Falle, sondern bleiben handwerklich im stabil soliden aber unauffälligen Bereich. Und das, ja, das ist auf sehr angenehme Art „indie“.
Auch an Ideen fehlt es nicht, so dass es mir, trotz der 90minütigen Spielzeit (ohgott, ich hatte deutlich weniger erwartet und wenn mir das vorher jemand gesagt hätte, wäre ich vermutlich in Tränen ausgebrochen) nur einmal ganz kurz langweilig wurde. Aber nur, um im nächsten Song wieder voll mitgenommen zu werden.
Und nein, noch bin ich nicht fertig, denn … Notwist sind die Meister der Längen. Will sagen, die wissen genau wielange was sein muss. Wie lange darf ich auf diesem Riff rumreiten, damit es genau passt, nicht zu kurz und nicht zu lange geht. Und wenn die Riffs gut sind, und eigentlich war überhaupt nichts uncool oder peinlich oder cheasy oder wie auch immer ein Riff daneben gehen kann, ja, wenn die Riffs gut sind, dann kannst du da eine Intensität drauf aufbauen. Und das haben sie brutal gut drauf.
Daher, bei allem vorher fehlenden Respekt … haben wir eine richtig tolle unaufgeregt leidenschaftliche Band gesehen, deren Qualität als Unterschied nachvollziehbar ist. Und das quasi wie im Proberaum, ohne PA und komische Räume als Hindernisse. Ja, ich denke sogar darüber nach, mir noch was Älteres von denen zu besorgen. Da waren noch so zwei drei Songs, die mir im Kopf blieben, die ich gerne noch mal hören würde. Wer hätte das gedacht.