Johanna Zeul – Fr. 19.12.2025 – Berlin, Lido (500 Zuschauer)
Wie ihr alle wisst, ist dies ein eher punkorientiertes Fachmagazin und auch wenn vielleicht nicht immer genau das erzählt wird, was der Staßenpunk, der PC-Squat-Hardliner oder der moderne Punk mit Vollbart und Bankangestelltenfrisur gerne hören, so gibt es doch ein paar Grundregeln, die eigentlich für jeden gelten sollten und eine davon ist der Schockmoment. Auf jedem Konzert warte ich voller Hoffnung auf den Schockmoment, dieses kleine Etwas, das mich aus den Schuhen haut oder mich wenigstens ein wenig irritiert. Der Ausschlag auf der Skala ist dabei weniger wichtig, als dass es einfach passiert. Und wenn es nicht passiert, dann war es wahrscheinlich langweilig. Leider sind heute 85% aller Konzerte in dieser Hinsicht langweilig.
Nicht bei Johanna Zeul. Irgendwann, mitten im Konzert …. völlig unerwartet aber überzeugend … spuckt sie in hohem Bogen auf die Bühne!!!! Also, ich weiß nicht, ob es wirklich Spucke war oder der Trinkflaschendeckel, der vorher schon irgendwo gesucht wurde. Aber es war einfach brutal … eindrucksvoll, hahaha.
Nicht, dass es ihr daran fehlen würde, auch anderweitig Eindruck zu machen. Sie steht ganz alleine auf der Bühne, spielt und hämmert den Rhythmus gleichzeitig auf ihrer Akkustikgitarre und wenn man sich erstmal an den ganzen Zirkus gewöhnt hat, den sie da abzieht, dann ist sie wirklich außerordentlich einnehmend.
Sie verfügt über eine sehr natürlich rüberkommende Fröhlich- und Leichtigkeit, viel Vivre und schämt sich keineswegs, übertriebene Showeinlagen aufzutischen. Dazu lässt sie auch nicht die kleinste Gelegenheit verstreichen, um ihre Aussagen mit allerlei Klamauk zu untermalen, wie Gurren, Fauchen, Kratzen, Jaulen, Bellen, Tänzchen und viel Lachen und Schreien. Oder warte … nein, geschrien hat sie, glaube ich, wenig, aber sie hat eine tolle, angenehme Stimme und kann außerordentlich gut singen. Und wenn mir auch einige der Lieder vom eingeflochtenen Stilmix nicht so sehr zusagen, hat sie doch grandiose Kompositionen parat und manchmal denkst du, du hörst im Hintergrund die Band, mit ein paar hübschen Jungs, d.h. du hörst sie nicht nur, sondern siehst sie schon, wie sie alle auf großen Bühnen vor tausend jubelnden Fans ihre Lieder trällern und aus dem Liedermacher- wird ein Rockzirkus und … nein, wenn sie das wollte, hätte sie es längst getan.
So bleibt sie wie sie immer war, zumindest nicht anders als ich sie das letze Mal gesehen habe und das ist mindestens ein- bis zweihundert Jahre her: Irgendwo zwischen merkwürdig und ergreifend und manchmal möchte man wegsehen, aber sie tut es trotzdem. Gut so.
Danach spielte eine uralte NewWave Band, deren Name ich mir nicht merken konnte und die mein Begleiter Andi und ich verpassten, weil wir beim Schmaucheln wohl die Zeit vergaßen. Das war keine Absicht und es kann eigentlich nicht sein, dass die länger als 15 Minuten gespielt haben. Also wirklich nicht. Und dann spielte noch ne Coverband, aber Coverbands covern wir in diesem Magazin nicht … selbstverständlich. Ich kann ja keine nachgemachte Kunst beurteilen. Das ist ja als würde jemand einen Dali nachmalen. Das interessiert doch gar niemanden.
cooler Kommentar zum Johanna Zeul Konzert bzw Ihrem Warm-up für die nachfolgenden Bands. Ich war tatsächlich hauptsächlich wegen Johanna da und finde Sie so frech und flippig einerseits wie auch hintersinnig und politisch anderseits. Und sehr schöne warmherzige und melodische Songs kommen auch von Ihr. Alles aus einer Feder und die Kreativität reißt nicht ab. Also bleibt dran, da geht noch viel mehr . Guten Start für 2026 Ahoi Sven