Sun Cousto, Gym Tonic, Neuköllner Speeddating Club – Do. 06.11.2025 – Berlin, Rauchhaus (ca. 60 Zuschauer)
An diesem Abend ist mir die Zeitplanung daneben gegangen. Den Zettel mit der Running Order nebst genauer Uhrzeit hatten wohl außer mir alle anderen vorher gesehen, denn ich bin gefühlt der erste zahlende Gast und die Bands hängen noch über ihren Pizzas.
Eine Stunde, drei Bier und fünf Zigaretten später fängt der Neuköllner Speeddating Club dann vor doch ordentlich gefülltem Laden an. Die Damen und Herren mit dem interessanten Namen sind nicht aus Neukölln sondern aus Leipzig, sehen auch so aus, und spielen eine fuchswilde Version elektro-akustisch-folkloristisch-psychedelischen Krautrocks. Dabei findet der Rock, wie man ihn klassischerweise kennt, in dieser Band überhaupt nicht statt. Das Schlagzeug ist zwar vorhanden, wird aber sehr unrockig gespielt. Die Basis ist das Synthi+Effekte-Pult, das von einem umtriebigen Herren mit Brille und Schirmmütze betrieben wird und zwar … extrem cool und durchaus qualitativ hoch. Es ist ruhig, aber einnehmend und die gelegentlichen Brüllereien, die er noch auf Lager hat, halten das Signal des Umsturzes hoch (und letztlich auch das des Rocks), auch wenn es wieder ein wenig an Eindruck verliert, nachdem er das mehrfach über die Konzertlänge wiederholt und auch sonst nichts Spannenderes mit der Stimme anstellt.
Sehr interessant aber die weitere Instrumentierung. Neben einer Gitarre, die sehr dezent im Hintergrund zirpt und leichte Psychedelica andeutet, haben wir ein Faggott, das ab und an dazutrötet. Man merkt, dass das Ganze mit dem Synthie-Menschen anfing und erweitert wurde. Die Gitarre und die Drums wurden dabei sehr gut integriert, das Faggott geht so. Ist halt auch was, das man so nicht die ganze Zeit einbringen kann.
Da sich die Songs dann aber etwas wahllos aneinanderreihen und auch der Spannungsbogen derselbe bleibt, wundert mich ein wenig, dass sie das ziemlich überstrapazieren. Die Running Order sprach von einer Stunde pro Band, d.h. 45 Min. eigentlich, denn da ist ja dann auch noch ein Change Over nötig. Doch der Neuköllner Club spielt – als erste Band des Abends – länger als eine Stunde und lässt sich auch durch eine mehrminütige pannenbedingte Pause, die mit dem einen Mikro zusammenhängt, das er kaum benutzt, davon abhalten, ihr Ding bis zum bitteren Ende durchzuziehen.
So ist der Zeitplan – nachdem natürlich auch nicht pünktlich begonnen wurde – schon eine Stunde überzogen, als Gym Tonic auf die Bühne gehen. Nicht, dass man Gym Tonic mit ihrem unterhaltsamen Synthie-Punk immer wieder ansehen kann und ich finde auch, dass sie aktuell, mit der neuen Bassistin und dem Drummer, dessen Kaftan schon beim ersten Song wie eine Kochtopfpfeife davon fliegt, so wild schüttelt er die Mähne, eine wirklich schlagkräftige Truppe auf der Bühne haben. Aber ich habe Gym Tonic schon einige Male gesehen und mein Ziel des Abends waren eigentlich die Schweizerinnen von Sun Cousto.
Die Worte „waren eigentlich“ leiten nun folgende schlussendlichen Ereignisse ein: Schon beim Ankommen der Mitglieder der mittleren Band, gibt es unangenehmes Geburtstagsgejaule und da ich, geschätzt in der Mitte des Sets von Gym Tonic, bereits mehr als 3 Stunden Biere und Zigaretten in mir untergebracht habe und meine Zündschnur nach dem langen Gewarte und dem überlangen Programm des Datingclubs kürzer geworden ist, geht sie genau in dem Moment vollends aus, als auf der Bühne Wunderkerzen angezündet, Törtchen gereicht und Happy Birthday gesungen wird.
Ich bin ein zufriedener Mensch und trotzdem durch all die vielen Lenze gekommen, ohne ein einziges Mal dieses grauenvolle Lied in den Mund zu nehmen und soviel ist sicher: Ich werde gottverflucht in das verdammte Gras beißen, bevor es passieren wird. Daher klappert schon vor Ende der ersten Textzeile die Tür hinter mir zu und die verheißungsvollen Sun Cousto werden auf ein andermal geschoben. Ich frage mich, was die beiden Mädels dachten, als der Abend so dahinzog, aber da das Publikum zum größten Teil aus Kinder-Studenten bestand (die irgendwie so gar nicht zu den altberliner Punkschnauzen am Tresen passten, haha), sicher kein großes Thema.