Synästhesie IV Festival – Fr. 23.11.2018/Sa. 24.11.2018, Berlin, Kulturbrauerei

2018 Live

Synästhesie IV FestivalBerlin, Kulturbrauerei Kesselhaus (ca. 700 Zuschauer)
Tag 1:
Auf zwei Bühnen breitete sich dieses Jahr das Synästhesie Festival aus, das den Krautrock der frühen 70er aufgreift und aktuelle Bands zeigen möchte, die jenen Geist und dessen Musik in sich tragen. Zumindest dachte ich, hätte ich das wo gelesen und finde die Idee natürlich super. Dass, von den Bands, die wir sahen, nur eine das in etwa erfüllen konnte (Camera), störte mich ein wenig aber nicht total, denn wir waren ja vorallem auch gekommen, um Spiritualized zu sehen. Dass die meisten Bands aber stark 80er-wave-lastig waren, zog mich dann doch ganz schön runter, denn da drauf stehe ich überhaupt nicht.
So breitete sich im Laufe der beiden Tage vor allem Tristesse aus, denn die Bands, die ich gut fand, konnte man an einer Hand abzählen. Zu voll war’s auch. Überall musste man sich Rumquetschen und im oberen Raum kam man nicht mehr rein, wenn man nicht schon das Ende der Band davor geschickt abpasste und bereits Position bezog. Das machte die Planung ziemlich unentspannt. Dass man hier mal spontan sein konnte war fast unmöglich.
Im Treppenhaus und dem Flur, wo man rauchen konnte, fielen die ganze Zeit Gläser und Flaschen runter, was vermutlich echt cool sein sollte, so total locker, ey. Trptzdem kenn ich diese überhebliche rücksichtslose egoistische Pseudo-Coolness einger Leute von den Konzerten auf denen ich sonst bin eigentlich eher nicht. Und ich gehe weiss Gott nicht in die Oper.

Camera durfte ich zudem gleich mal verpassen. Warum spielten die eigentlich so früh? Und Underground Youth, die ich dann als erstes sah, standen Pate für die große Langeweile und Eintönigkeit, die sich quer durch die Bands des Festivals zogen. Zwei Gitarren, die sich gegenseitig mit Hall und Echo überätherten, Bass und Schlagzeug hielten den Krempel wenigsten beisammen. Dazwischen die Monotonie einer einzigen Männerstimme. Dieser New Wave, der ganz leichte Velvets-Coolness zitiert und sich daher Psychedelia nennt, war die Blaupause fürs Festival, konnte mich dann aber nur zwei oder drei Lieder halten. Es fehlten vor allen Dingen mal gute Songs. Das war nämlich das, was die Velvets neben ihrer Coolness auch noch hatten.

Die nächste Band The Third Sound versprach ein Gastspiel von Anton Newcombe, also stellten wir uns brav in die von unten schon hochgeströmte Meute. Es war supereng und man konnte kaum atmen. Wo der erste Song noch ganz interessant losging, in dem jeder Ton der Gitarren eiernd absackte, was der Sache einen sehr degenerierten Flair gab, fiel ich in das erste Loch als der Sänger den Mund aufmachte und wir feststellen mussten, dass der genau in die selbe einsilbige Monotonie einstimmte, wie den, den wir grade unten verlassen hatten. Transusige Langweiligkeit, keine guten Melodien, auch kaum zweiter Gesang, der das Ganze etwas aufgelockert hätte. So harrten wir Song für Song und es wurde immer unerträglicher. Sie hatten auch keinen guten Sound. Die Gitarren waberten genauso undefiniert herum wie bei der Untergrundjugend. Das was irgendwie cool sein soll ist einfach nur nervtötend. Keine Emotion, das ist einfach nur langsame Verwesung. Dazu das Gesicht des Bassisten, der die Bedeutungslosigkeit des Geschehens durch seine gelangweilte Mimik perfekt unterstrich. Am Ende zwei etwas bessere, längere Lieder, die vorallem durch fast fehlenden Gesang glänzten. Und wir fragten uns die ganze Zeit, wo denn Newcombe blieb. Unentschuldigtes Fehlen nenne ich das. Ich hätte drei Bier mehr trinken können und ein besseres Gesamturteil abgegeben, wenn ich zu einem früheren Zeitpunkt gegangen wäre und man mich hiermit nicht beschissen hätte.

Wer spielte dann unten? Ich habs schon vergessen und ich glaube, wir haben kaum reingeschaut. Schon jetzt musste man wie ein Fuchs das rechtzeitige Ankommen im anderen Saal timen, um nicht auf eine Wand von Menschen zu treffen, die nur mit Gewalt gebrochen werden konnte, um noch irgendwo einen Platz zu finden, wo etwas Luft zum Stehen war.
Genau das war dann übrigens nötig, obwohl wir uns nur kurz zum Rauchen und Meckern zurückzogen und damit schon den Anfang von Gewalt verpassten, die schneller anfingen, als erlaubt. Schon von draussen hörte man aber, dass die bislang schlechte Soundqualität kein Fehl der Technik war.
Die Berliner Band klang dann auch wie ihr Name, nur dichter. Kein Hall mehr. Nur noch Druck. Wir quetschten uns diesmal unnachgiebig rein und fanden seitlich vorne tatsächlich Platz, da alle ja immer sofort stehen bleiben, wenn sie wo rein gehen und dann gibt’s Stau. Man konnte sogar noch locker bis vor die Bühne.
Und jetzt kamen auch die Emotionen. Nach dem Auftritt im Schokoladen, wo ich sie das erste Mal sah, haben sie die Bassistin ersetzt und die ehemlige Gitarristin ist auf deren Stelle gerückt. Sonst gleiches Konzept, mittlerweile aber extrem gut abgestimmt und eingespielt. Die werden noch ganz schön Furore machen, wenn sie wollen. Musikalisch ist es beim Big Black/Fehlfarben-Dreieck geblieben (Dreieck?). Die Kompositionen sind aber meist sehr sehr gut. Super einfach auf den Punkt und die Bassistin hält mit einer unfassbaren Lockerheit die Atonalität der Gitarren unter Kontrolle. Das war sehr beeindruckend und der Hammer des Tages!
Soft Moon danach wieder New Wave. Ahjee … wir vertrotteten uns.

Tag 2:
Schon beim Ankommen zu Gym Tonic quetschten sich die Leute aber wieder derart, dass es nicht mit einem halbwegs sozialen Gewissen vereinbar gewesen wäre, sich hier noch dazwischen zu klemmen. Nicht, dass viele der Leute auf soziales Verhalten Wert gelegt hätten, siehe Kommentar vom ersten Tag, aber zu dieser Zeit lohnte sich das einfach noch nicht.
Die Abstimmung zwischen den Bands oben, fand ich sehr hart getaktet. Man hatte eigentlich keine Verschnaufpause und überall war immer Reingequetsche, Rumgequetschte, an die Bar-Gequetsche, Wieder-weg-von-der-Bar-Gequetsche und dann gleich wieder Raus-oder-Rüber-Hoch-Runtergequetsche. Boah. Es wurde so schlimm, dass ich am zweiten Tag fast nur noch am Rauchen im Zwischenraum war und mit Lutz die Taktik für Spiritualized entwarf.
Alles war an diesem Tag darauf ausgerichtet, das Trauma, Spacemen 3 nie gesehen zu haben, zu überwinden. Ich weiss noch wie heute, dass ich – quasi noch ein Kind – mit meinem ersten Drummer im Winter `87 nächstens durch Schnee und Wehen fuhr, um in der Reutlinger Zelle diese Band zu sehen, doch wehe … kein Mensch da … das Thekenpersonal antwortete auf unsere verduzten Fragen mit „Spaceman was???“. Und ein zwei Jahre später … im Longhorn … da hatte ich’s irgendwie einfach nicht geschafft. Zudem stand die Aussicht auf dem Programm, endlich mal Doggen live zu sehen, den legendären langjährigen Mitstreiter bei Pierce aber auch bei Julian Cope.
Vor Pierce und Co war die Blue Angel Lounge dran, doch für mich hörte sich das wieder total anders an, als einiges, was ich vorab gehört hatte. Nicht psychedelisch sondern schon wieder so scheisse-wavig. Das ist, als würde man verschiedene Getränke probieren aber alle haben den gleichen Beigeschmack.
Mich störte bei denen schon, dass drei Musiker anfingen, Atmosphäre aufzubauen und drei andere irgendwann reinlatschten, ihre Jacken auszogen und irgendwo hinwarfen (warum ziehen die ihre Scheissjacken nicht hinter der Bühne aus? Entweder sie tragen sie weil die dazugehören oder sie lassen sie gleich zuhause, verdammt!) und der Sänger dabei fast den Bogen des Cellisten umrannte … obwohl sich hier eine gute Chance geboten hätte, sich gemeinsam einzustimmen und das eigene Intro wertzuschätzen. Ich weiss nicht, warum die Bands immer diesen Reihenfolgen-Kult fröhnen. Warum geht denn der Chef nicht vornedraus, wie es sich für einen Leader gehört? Wo ist der Anstand? Wo kommt diese eitle Gefeiertwerdenwollen-Scheisse eigentlich her? Und dann fing der Sänger mit seinem gutturalen Pathos an und ich wollte nur noch weg! Was ist denn nur so begehrenswert daran The Cure oder Joy Division nachzumachen?
Wir sammelten uns dann rechtzeitig, gingen alle noch ein nervöses Pipi machen und drängelten und dann Platz an der Bar frei, wo andauernd Leute den Weg blockierten, die gar nichts bestellen wollten. Wir holten uns viel Bier (viel!), stellten uns in die erste Reihe … und wurden für alles entschädigt.
Doggen direkt auf unserer Seite, so nah vor uns, dass man seine Nervosität spüren konnte. Seine Gitarre war superlaut zu hören, fast etwas zu laut von unserem Platz aus, doch jetzt mussten wir da durch. Pierce nahm direkt auf der anderen Seite Platz.
Die Band formte einen Halbkreis aus drei Sängerinnen, dem langjährigen Drummer, einem mir nicht bekannten Basser, den Keyboarder konnte ich nicht sehen, ein zusätzlicher dritter Gitarrist, der aber während des ganzen Konzerts aber quasi nicht zu hören war und der Großmeister selbst, auf einem Stühlchen, seitlich zum Publikum sitzend, direkt gegenüber von Doggen.
Sie spielten die ganzen Nummern des aktuellen Albums und sonst auch eigentlich nur ruhiges Zeug. Abwechslung fehlte ein wenig, ansonsten war es höchst emotional, voll feinster Details und sehr gefühlvoller musikalischer Symmetrie. Alles! Alles da wo es kommen musste. So meisterlich wie die kunstvoll durchorchestrierten Songs.
Pierce latschte mit Sonnenbrille zum weissen Tshirt, Jeans und Turnschuhen an. Der Junge hatte sich ja quasi ins Grab gelebt und nach einigen längeren Krankenhausaufenthalten, nun ein offensichtlich gesundes Dasein gewählt, das uns diese neue Platte ermöglicht hat. Er bleibt ein Held. Fehlt noch der Haken an Sonic Boom. Das haben wir uns nach dem Konzert zur Aufgabe gemacht! Mehr in diesem Forum!
ABER halt! Als unten alles irgendwie schon aufzubrechen gedachte, rannte ich flott nach oben, denn ein „Überraschungs-Act“ wurde ausgerufen. Das waren HÃxxan aus Berlin und ich erinnerte mich, sie vor den Gories gesehen und nicht sonderlich geschätzt zu haben. Das war heute anders. Die fahren schon nen ganz eigenen Stiefel und ich frage mich, was wohl ihre Wurzeln sind, aber was sie machen, machen sie richtig gut. Die Jungs sind eigentlich aus Israel und spielen eine Art Punk, keine gewöhnliche allerdings. Sehr zappelig, mit Anleihen aus unterschiedlichsten Stilen, aber gut ineinander verkocht. Hätte in den späten 80ern gut auf SST gepasst. Ausserdem: Sie brennen! Wenn ihr sie sehen wollt, seht sie euch JETZT an!

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