Wrong Society (the), The No-Counts – Sa. 13.10.2018, Berlin – Phonoclub

2018 Live

The Wrong Society, The No-CountsBerlin, PhonoClub (ca. 100 Zuschauer)
Wenn sie nicht die unschuldigsten Menschen wären, die ich kenne, würde ich ihnen ein cleveres Konzept unterstellen. Denn wenn sich vier Herren mittleren Alters mit griesgrämigen Gesichtern auf eine Bühne stellen und in der Ich-Form Lieder darüber singen, wie ihnen von den Schulmädchen eine Klasse über ihnen, „die nur schwarz aber niemals ein Lächeln tragen“ in allen vorstellbaren Varianten das Herz herausgerissen wird, dann machen sie sich per se schon unangreifbar.
Wenn sie sich dann noch „The Wrong Society“ nennen und ihre erste Single „Hey Hey Hate“, dann ist bereits bei weitem übertroffen was man nach heutigem Maßstab von einem deutschen musikschaffenden Künstler als Gesamtwerk überhaupt erwarten darf. Alleine das Cover dürft Ihr Euch gerne noch mal zu Gemüte führen, um nur den Hauch einer Vorstellung zu bekommen, was Euch entgeht, wenn ihr dieses Meisterwerk nicht auf Euren Altar nagelt.
Wenn man noch berücksichtigt, dass Kai Becker bereits zu prä-Wrong Society Zeiten mit seinen Flashjunkies einen Song namens „Durch die Tür“ aufgenommen hat, ein unfassbares Stück deutscher Musikgeschichte, das ich mir wenigstens einmal die Woche anhöre, dann würde man ihnen zweifelsohne gestatten, sich jetzt schon zur Ruhe zu setzen.
Aber nein, nicht so unsere Hamburger Jungs: Mit akribischem Feingefühl servieren sie uns eine Platte nach der anderen und sinken dabei nicht einen Millimeter auf der selbstaufgelegten Qualitätsskala.
Nun kamen sie am heutigen Abend durchaus abgekämpft zur letzten Show einer einwöchigen Tour in Berlin an. Akkustik und Technik im PhonoClub sind zudem nicht wirklich geeignet, um die Soundqualität angemessen zu zerstören. So war der Sound etwas zurückhaltend, etwas Hall für den Gesang wäre hilfreich gewesen, um die Ungerechtigkeit dieser Welt noch nachdrücklicher in den verhangenen Himmel zu klagen. Wobei darüber hinaus nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der neue Bassist Jörg, der auch bei den Vice Royce den Viersaiter zupft, zwar eine Besetzung ist, die die Wrong Society in ihrer Erscheinung vollkommen macht, doch als Sänger kann er seinen Vorgänger zum heutigen Zeitpunkt nicht ganz ersetzen.
Aber wenn man dann beobachtet, wie sie zwei drei Songs brauchen, um sich ein wenig mit der Situation vertraut zu machen, dass sie auf einer Bühne stehen – und sie sehen eigentlich immer so aus, als würden sie sich an keinem Ort unwohler fühlen, was meine Sympathie für sie fast schon unerträglich macht, denn, auch wenn sie phantastisch aussehen, sie wissen es nicht!!!! – also, wenn sie sich dann nach zwei drei Songs damit abgefunden haben, dann fallen sie in ihre wunderbare Musik und nehmen uns mit in das entsetzliche Drama der vollkommenen Nichterfüllung. Alles darum herum verschwindet. Und dazu gehört eben auch, dass man sich von irgendwelchen Vorstellungen löst, wie ein maßtabsgetreues Konzert zu klingen und abzulaufen hat. The Wrong Society steht jenseits alberner Gesetze. Erscheinung, Auftreten, Songs und Klang sind stets von erhaben perfekter Unperfektion. Es ist der Wahnsinn und das kann mir keiner kaputtargumentieren: The Wrong Society can never fail!
Auch diesmal hat sich die unser aller liebste Berlin Veranstalterin Pleasure Seekers Club das Package mit den No-Counts ausgedacht und das ist natürlich als Gesamtwerk völlig unschlagbar. Diese Miesniks stehen an der Spitze der Unterhaltsamkeitsverweigerung, was natärlich genau in die andere Richtung ausschlägt. Je muffliger sie werden, desto sensationeller sind sie. Auch bei ihnen hätte mehr Keller im Klang jegliche Unzulänglichkeiten ins rechte Bild gesetzt. Selbstverständlich liessen sie sich aber nicht im Geringsten davon abhalten, allen Nichtanwesenden das tatsächliche Wesen des Punks zu zeigen.
Besseren Teenpunk als von diesen beiden Bands bekommst du heute nirgends und eines der Geheimrezepte liegt in der Abwesenheit jeglicher Gedanken an Gefälligkeit und Gefallenwollens. Hier gibt es kein Kalkül, keine Schuld, kein Wollen. Es gibt nur die Tat. Unfehlbar in ihrer unspektakulären Sensation. Ich würde gerne jedem Kind das eine Gitarre in die Hand nimmt, diese Bands als Vorbilder empfehlen. Nicht zum Nachmachen, nur als Inspiration. Nur ein Hauch davon würde die heutige Musikszene vollkommen auf den Kopf stellen und wieder Dinge möglich machen, die seit fast 30 Jahren ganz schön stagnieren.

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