Bisi (Martin), Jochen Arbeit, Kristof Hahn – Sa. 03.11.2018, Berlin – Schokoladen

2018 Live

Martin Bisi, Jochen Arbeit, Kristof Hahn (Foto) – Berlin, Schokoladen (ca. 100 Zuschauer)
Martin Bisi ist der Eigner des berühmten BC Studios in New York, der mehr oder weniger zufällig zu der Ehre kam, ne Menge tolle Sachen aufzunehmen, bspw. Sonic Youth. Bisi hat auch immer selber Musik gemacht und ist heuer mit neuer Platte unterwegs gewesen.
Mir gefällt ja seine schüchterne Art. Der ist der totale Anti-Rockstar und zwar nicht aus Attitüde, wie das heute ja wieder mal gerade schick ist, sondern er is halt so, er kann nicht anders.
Aber, selbst wenn man bedenkt, dass ich wenig goutierbare Musik schon mal vom Grundsatz her eine ansprechende Idee finde, gerne ein Ohr dafür gebe und ja auch einiges gewöhnt bin – bei Martin Bisi hab ich mich selber gekrümmt und nach dem Ende gesehnt. Dass die Musik jegliche Klischees sprengte, ist ja noch ok, dass das kalkulierte Chaos zwar tief im Noise stand auch, dass es aber eigentlich näher denn erwartet am Free-Jazz oder Heavy-Prog-Rock verweilt, dann aber doch nicht.
Bisi live zu sehen, tut fast weh. Er ist definitiv niemand, der auf eine Bühne gehört und das ständige Drehen an irgendwelchen Geräten wirkte weder attraktiv noch waren die Resultate wirklich hörbar (ich denke dabei bspw daran, dass er mehrmals versuchte, direkt etwas vom Drum aufzunehmen und vermutlich irgendwie zu loopen, was aber im Soundgewitter überhaupt nicht auszumachen und insofern völlig zwecklos war). Das Ausbreiten seines Schweißrands auf dem Hemd zu beobachten war allerdings dann doch nicht uninteressant.
Jochen Arbeit mit den beiden Cellistinnen Martina Bertoni und Munsha sowie dem verrückten Bassisten Hopek Quirin, der schon seit den frühen 80ern bspw. in Bands wie Die Ich’s auf sich aufmerksam machte – bei denen auch ein Arbeit seine ersten genial dilettantischen Schritte unternahm. Das Quartett begeisterte mich leider wenig. Man kann sich das eigentlich auch ohne es zu hören sehr gut vorstellen, wenn man die Beschreibungen der einzelnen Künstler liest, wie sie bspw. bei Arbeits Initiative Soundscapes im Eschschloraque-Künstlerclub in Mitte beschrieben werden.
Ein schönes Beispie: „Klangwelten werden abseits des ursprünglichen Territoriums erforscht, mit Recordings, Beats und Noise vermischt, auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt und komplexe Soundscapes erschaffen“. Aha! Das ist für mich das typische Geschwafel, wenn jemand Kunst mit Worten zu erklären versucht, die sich der Abstraktion bedient. Für mich klingt das hilflos und nichtssagend.
Achtung, noch ein ganz tolles Beispiel dieser leeren Phrasendrescherei: „Vibration und eine eigene Trance des Sounds verknüpfen sich mit der gleichermaßen bewegten wie bewegenden Klanglandschaft, um sie stets aufs Neue weiter zu entfalten.“ Wow! Stellt euch vor, ich würde euch bei jeder Besprechung sowas Nichtssagendes präsentieren. Vielleicht ist das aber auch deswegen, weil diese Klangwelten eben auch einfach nichts sagen!!?!
Passt ja vielleicht doch irgendwie, denn Jochen Arbeits Quartett brachte: Viermal komplexe Klanglandschaften, jeder für sich und dann doch wieder zusammengesetzt. Ein wenig differenzierbares Irgendwas an Geräuschen, das frei improvisiert vor sich hin wabert. Das geht so eine halbe Stunde. Am Ende schwillt es etwas an. Aber emotional ist es leer.
Vielleicht ist aber einfach auch nur so, dass ich dass ich dieses Musikkonzept nicht verstehe und es mich überhaupt nicht ergreift oder berührt. In keinster Art und Weise. Was ich wirklich schrecklich traurig fand, da ich sehr sehr gespannt darauf war.
Dafür konnte Kristof Hahn (Foto) den Abend bereits als Opener retten. Erstens mit seiner sympathischen nahbaren Art, was ich als Mitglied der raubeinigen New Yorker Swans nicht von ihm erwartet hätte. Die Swans waren durch die 80er eine meiner ganz großen Lieblingsbands und ich werde das erste Konzert, auf dem ich sie im Stuttgarter Maxim sah, niemals vergessen. Es waren etwa 20 oder 30 Leute da und am Eingang wurden Ohrschützer verteilt und jedem einzelnen Gast persönlich gesagt, dass der Veranstalter keine Haftung für Hörschäden übernehmen würde. Es war die Phase der Live LP „Public Castration is a Good Idea“ mit zwei Schlagzeugern. Die PA im Maxim ging fast bis unter die Decke, wurde also für die Swans sicher um mindestens das Doppelte aufgestockt. Vorne im Moshpit standen vielleicht 3 oder 4 Leute. Ich traute mich erst im letzten Drittel nach vorne. Der Schalldruck war so enorm, dass meine Hose an den Beinen flatterte als würde ich gegen eine Bö laufen. Man musste sich fast ein wenig dagegen lehnen. Kristof ist nach der Swans-Pause ab 2010 oder so dabei, meine ich und tatsächlich haben sie seitdem auch wiirklich gute Arbeit geleistet.
Das Konzert im Schokoladen ging los mit seiner Pedal Steel Guitar, die auch bei den Swans gerne zum Einsatz kommt. Die meisten Songs spielte er allerdings mit Gitarre und sein einziger Begleiter spielte Fagott! Und wie! Die Kombination ist ungesehen und ziemlich irre. Sie beschränkten sich auch nicht auf Improvisation sondern alle Lieder waren durchkomponiert, oft auch mit Text und, auch wenn diese ein- oder zweimal sogar in ein bluesiges Schema verfielen, so brachen sie plötzlich wieder in ein kompositorisches Scharmützel aus, das uns staunen machte. Bester Act des Abends!
Den Umstand bedenkend, dass Konzete im Schokoladen um 20h losgehen müssen, durfte man während des Konzerts der beiden jede Menge neuankommende Gäste beobachten, die sich auf alle möglichen Arten versuchten, vor der Bühne vorbeizudrücken, bspw. auf den Knien. Trotzdem fand ich am Ende interessant, dass überraschend viele Zuhörer, gerne auch mal direkt neben mir, in unverschämter Lautstärke ihre Alltagprobleme diskutierten. Gerade während der eher leisen Performance von Jochen Arbeits Quartett empfand ich das als wirklich als beschämend. Glücklicherweise ist das Publikum im Schokoladen sonst tatsächlich ziemlich schokoladig und weiss zu schätzen, was hier für sie getan wird.

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