Black Lips, Saba Lou – Sa. 04.11.2017 – Berlin, Festssal Kreuzberg

2017 Live

Black Lips, Saba LouBerlin, Festssal Kreuzberg
Ich weiss noch, dass ich die ersten beiden Alben der Black Lips damals in den USA bestellte, weil die noch nirgends in Deutschland zu kriegen waren. Das ist etwa 13 Jahre her. Beim Konzert heute standen neben meiner Begleiterin Li zwei ekelhaft tanzende und debilst gut gelaunte Mädchen, die damals Hemd und Hose noch an einem Stück hatten.
„Du kannst das bloss nicht aushalten.“ sagte Li auf meinen Kommentar, den ich hier nicht in Worten wiedergeben möchte und da man Worten Taten folgen lassen soll, zertrat ich einen der Luftballons mit der Aufschrift „Black Lips“, die hier fröhlich durch die Menge gestupst wurden.
Ich bin mir noch niemals zu alt auf einem Konzert vorgekommen, aber am falschen Platz schon. Dass ich auf einem Konzert einer Band, die ich eigentlich liebe, am falschen Platz sein könnte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Nun gut, eigentlich war der beginnende Hype um die Band der Grund, dass ich mich mit ihnen unwohl fühlte, weswegen die letzte Platte, die ich mir kaufte, dann auch gleich die dritte von 2005 war. Wenn man bedenkt, dass sie nun bei der achten Platte angekommen sind, war ich vielleicht tatsächlich der schlecht informierteste Gast im Saal.
Als ich die Black Lips das letzte Mal sah, waren der Drummer und der Gitarrist noch andere Leute und jetzt haben sie zusätzlich eine Saxophonistin, für deren Teilnahme es (abgesehen davon, dass sie die Freundin von Cole ist, wie ich später erfuhr) keinen offensichtlichen Grund gibt. Sie passt weder optisch noch musikalisch ins Bild. Die beiden anderen sind ok, auch wenn der ehemalige Drummer Jack natürlich nicht nur eine Live-Augenweide sondern auch ein wichtiges Sprachrohr der Band war.
Tatsache aber ist, dass die Jungs völlig unverändert sind. Der Erfolg scheint ihnen nichts anzuhaben. Jared und Cole, die, als alte Schulkumpels, eigentlich immer schon der innerste Kern der Band waren, sind noch genauso jugendlich unprätentiös und verspielt wie vor über 10 Jahren und wenn ich jemals einer Band gegönnt habe, berühmt zu werden, dann ihnen, auch wenn ich es niemals erwartet hätte, da ihr Sound so kaputt ist (weiss ja nicht, ob das auf den Platten immer noch so wüst klingt, schätze aber nicht, dass das extrem anders geworden ist).
Was für mich ebenfalls total unerwartet kam, ist, dass die Black Lips zu Stilikonen einer ganzen Generation wurden. Kids weltweit haben Teile ihres Kleidungsstils übernommen, Bands ihre ungestüme, unverbrauchte Art, sogar die hüppelnden Bewegungen und, dass die Gitarren wieder oben gehalten werden. Den Anfang dazu haben die Black Lips gemacht und die tun das, weil sie die Musik der 60er lieben und in den 60ern haben die Bands die Gitarren eben oben gehabt. Musikhistorie für Indie-Kids von heute (hüstel).
Tja, und nun steht man da, sieht ein paar Jungs auf einer Bühne und es fühlt sich an, als hätte man alte Freunde wiedergetroffen, die nun aber zur High Society gehören, the New Beautiful Kids. Eine Geschichte wie aus dem Kino: Vom Tellerwäscher zum Millionär, nur dass der Millionär wohl noch auf sich warten lassen muss.
Angesichts der Sympathie zur Band, deren Bodenständigkeit und der Einzigartigkeit ihres Schaffens, das sich auch nach dem Hype nicht verändert hat, gibt es aber nichts zu meckern. Da muss man dann halt mal auf die Zähne beissen und 14jährige Mädchen ertragen, die tanzen wie in der Disco und am nächsten Tag bestimmt auch wieder in ihre Disco zurückgegangen sind.
Wahrscheinlich alles halb so schlimm. Aber ich war hier definitiv fehl am Platz. Ein merkwürdiges Gefühl. Vor ein paar Monaten musste ich mich mal von einer 20jährigen anschnauzen lassen, der ich auf einem Konzert in einem besetzten Haus im Weg stand. Das ist, als würde eine respektlose Göre Jimi Hendrix in Woodstock auf den Stiefel latschen und ihn dann noch deswegen anpfeifen. Also nicht, dass ich mich mit Jimi Hendrix vergleiche oder der Meinung bin, ich wäre ein wichtiger Teil einer Szene (wobei jeder einzelne ein wichtiger Teil einer Szene ist), nein, es geht um das Gefühl, auf dem eigenen Grund und Boden nicht mehr willkommen, zumindest fremd zu sein. Und das wird jeder von Euch kennen.
Das Publikum der Black Lips ist einfach zu 99% anders als vor 10 Jahren. Ein kompletter Austausch. Und sowas ist doch eigentlich schon eigenartig, oder?
Und wie die anderen 99% hätte ich mir das sogar nicht mal angetan, hätte nicht Arish Khans Tochter Saba Lou den Support gegeben. Ich war etwas erstaunt, sie hier mit Band zu sehen, da sie zuletzt in Köln noch ganz alleine mit einer halbkaputten Akkustikgitarre am Werk war. Offen gesagt, gefiel mir das sogar besser, da dies wesentlich mehr Charm hatte. Der erste Song gefiel mir noch super, doch schon am dem zweiten wurde es mit jedem Song etwas fader, da die Band die Songs zu gleichförmig interpretierte. Da fehlte ein wenig Pepp, Feuer und Abwechslung.

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